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Sindelfinger Imam im Visier der Ermittler
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Sindelfingen - Neun mutmaßliche islamistische Scharfmacher sind bundesweit im Visier der Staatsanwaltschaft München. Am Mittwochmorgen wurden auch die Räume des Sunnah-Vereins in der Sindelfinger Altstadt durchsucht.


Die Polizei ist am frühen Morgen vor dem Haus Ziegelstraße 25 in Sindelfingen vorgefahren. Nachbarn berichten von zwei Streifenwagen, einem Polizeibus und einem Zivilfahrzeug. Zwei Beamte hätten die Tür bewacht. Doch was sich sonst in dem mehrgeschossigen Gebäude abspielt, wissen sie nicht. Einer Ladenbesitzerin ist aber aufgefallen, dass seit etwa einem Jahr Männer "in langen schwarzen Gewändern" zur Nummer 25 pilgern. Eine Hausbewohnerin sagt: "Ruhige und nette Leute."

Die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft gilt nach Informationen unserer Zeitung einem 27-jährigen Deutschen. Er soll zu den Konvertiten gehören, die Islam-Gläubige zu radikalisieren versuchen. Davon will man im zweiten Stock der Ziegelstraße 25 freilich nichts wissen. "Wir kommen hier her zum beten, alles andere ist nur Propaganda", sagt ein 36-Jähriger aus Böblingen.

"Nur für Frauen" steht an einer Tür, eine zweite führt zum Waschraum. Hinter der dritten hat sich ein halbes Dutzend Männer, Mitglieder des Sunnah-Vereins, versammelt. Sunnah ist die Bezeichnung für die Überlieferungen des Propheten Mohammed, auf die sich die Sunniten stützen.

Es ist Mittwoch, kurz nach 13 Uhr. In einer knappen halben Stunde beginnt das Mittagsgebet. Der 36-Jährige, ein aus dem Kosovo stammender Roma, sagt, sie hätten nichts zu verbergen. Schuhe ausziehen und eintreten. "Der Islam wird immer schlecht dargestellt, ich weiß nicht, was das Ziel ist."

Ein Vorzimmer mit vier niedrigen Tischen und Matratzen, dazu eine Küche und dahinter der Gebetsraum. Er bleibt den Blicken verborgen. Davor ein Regal mit Büchern in deutscher, türkischer und albanischer Sprache. Nebeneinander stehen "Das Gebet des Propheten", "Die Religion der Wahrheit", "Botschaft des Islam" und "Der edle Koran". Tee und Kaffee werden für 50 Cent anboten, der Cappuccino kostet einen Euro. An der Wand hängen Zettel: "Schlafverbot im Aufenthaltsraum" sowie "Boykottiert dänische Produkte". Und eine Kontonummer des Vereins bei der Kreissparkasse Böblingen.

Vom morgendlichen Polizeibesuch wollen die Sunnah-Mitglieder allesamt nichts wissen. Auch der richtige Name ihres Imam ist ihnen angeblich nicht bekannt. Er heißt "Mohammad Islam", gibt ein junger Mann preis, der sich als Besucher aus Braunschweig bezeichnet. Warum er hier ist? "Um zu beten", sagt er, und vertieft sich in den Koran.

Fragen zum Inhalt der in Sindelfingen vermittelten islamischen Lehre bleiben unbeantwortet. Dazu, so heißt es, sei nur der Imam berechtigt. Und der müsse gleich kommen – zum Mittagsgebet. Wenig später aber werden die Männer unruhig. Der Imam erscheint nicht. Einer geht an die verschlossene Tür gleich neben dem Eingang und klopft an. Es ist das Zimmer des 27-Jährigen, des Imam. Keine Antwort. Minuten später wird der Journalist dann hinauskomplimentiert. Das Mittagsgebet fällt aus – oder wird ohne den Vordenker absolviert.

Der Imam heißt nach Informationen unserer Zeitung Jörn K., ist in Wiesbaden geboren und hat in Marokko Islam-Wissenschaften studiert. Sein Hauptwohnsitz soll Mainz sein, doch er hält sich offenbar vorwiegend in Sindelfingen auf. Er soll die entscheidende Figur im Ende 2007 offiziell gegründeten Sunnah-Verein sein und zudem in Stuttgart-Zuffenhausen auftreten. Vorher, heißt es in Sicherheitskreisen, war er in Wiesbaden und Mainz aktiv. Der verheiratete Mann wird als Gefährder eingestuft.

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen den 27-Jährigen und die anderen acht 25 bis 47 Jahre alten Deutschen, die vorwiegend ausländischer Abstammung sein sollen, wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Den mutmaßlichen Islamisten wird zudem Volksverhetzung, Anwerbung zu einem fremden Wehrdienst und Verbreitung radikaler Literatur und anderer Medien vorgeworfen. Sie sollen Muslime und Nichtmuslime radikalisieren und die Teilnahme am sogenannten Heiligen Krieg (Dschihad) fördern.

Beim Türkisch-Islamischen Kulturverein Diyanet, der die 1500 Personen fassende Ulu-Moschee in der Nähe des Daimler-Werks betreibt, hat sich die morgendliche Durchsuchung in der Innenstadt am Mittag noch nicht herumgesprochen. Vom Sunnah-Verein jedoch hat Moschee-Sprecher Mehmet S. Kaplan schon gehört: "Seit einigen Monaten heißt es, dass es eine neue Moschee geben soll und dass dort ein Deutscher predigt, der aber sehr gut arabisch spricht." Diyanet-Gäste, die dort gebetet hatten, hätten ihn darauf hingewiesen. Selbst hingegangen sei er jedoch nicht, da er mit Diyanet und seiner eigenen Firma mehr als genug zu tun habe. Auch habe er keinen direkten Kontakt zu dem 27-Jährigen gehabt.

Diyanet zeigt sich stets weltoffen und begrüßt regelmäßig Besucher, die nicht dem Islam angehören, vor eineinhalb Jahren etwa Ministerpräsident Günther Oettinger. Der Verein lehnt radikale Tendenzen rundweg ab. "Der Islam ist der Glaube für den Menschen, um ihm Gesetzesmäßigkeit zu geben, damit er in Frieden, Gerechtigkeit und vor allem in Liebe leben kann", sagt Kaplan. Gewalt und Terror passen dazu schlecht, findet der Diyanet-Sprecher, der in der Ulu-Moschee selbst manchmal den Imam vertritt: "Ich warne dann oft davor, sich ja nicht instrumentalisieren zu lassen."


Quelle: http://www.stuttgarter-nachrichten.de

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