Es klingt ein bisschen nach Mittelalter, doch der jüngste Vorstoß des Vatikans zielt direkt auf die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts: Sieben neue Kategorien von Vergehen gelten neuerdings als Todsünden und weisen nach katholischem Glauben den Weg in die Hölle.
Die neuen Todsünden
Die neu kategorisierten Vergehen zählte der 70-jährige Bischof Gianfranco Girotti, Chef der Apostolischen Pönitentiarie (Gericht), in der Vatikanzeitung "Osservatore Romano" wie folgt auf:
1. Handel und Konsum von Drogen
2. Missbrauch von Kindern und Jugendlichen
3. Umweltverschmutzung
4. Abtreibung, weil sie die "Würde und Rechte der Frauen verletzt"
5. Genmanipulation
6. Profitgier, die andere Menschen in die Armut treibt
7. Exzessiver Reichtum.
Folgen der Globalisierung
Die modernen Sünden seien Folge des "unaufhaltsamen Prozesses der Globalisierung", erläuterte Girotti. Möglicherweise nutzt der Vatikan jedoch auch jene besonders krassen Auswüchse, um die Entwicklungen der Neuzeit - Individualismus und Unglauben - insgesamt zurückzudrehen. Nicht überraschend kommt da die Klage Girottos im gleichen Artikel, 60 Prozent der Katholiken gingen nicht mehr zur Beichte.
Ohne Reue auf ewig in der Hölle
Die ist jedoch entscheidend: Die Todsünden ziehen laut katholischer Lehre den "zweiten Tod" - die ewige Höllenstrafe nach sich. Vergebung erreicht der Gläubige außer über die Beichte nur durch die vollkommene Reue.
Todsünden und "lässliche Sünden"
Der bislang bekannte Katalog von Todsünden wurde bereits Ende des 4. Jahrhunderts festgelegt und später ergänzt oder verändert. Bis zum frühen Mittelalter waren die sieben Todsünden folgende: Hochmut beziehungsweise Stolz, Geiz, Neid, Zorn, Wollust, Völlerei und Faulheit, womit aber vor allem die Trägheit des Herzens und des Geistes gemeint ist. Abgegrenzt von Todsünden sind nach der Lehre geringere Vergehen - die "lässlichen Sünden". Stirbt ein Mensch, ohne diese gebeichtet zu haben, so kommt er nicht in die Hölle, sondern nur zur Reinigung ins Fegefeuer. Genau genommen sind die genannten "alten" Todsünden allerdings keine Sünden im engeren Sinne, sondern "Hauptlaster" - also mögliche oder wahrscheinliche Ursachen für Todsünden. Todsünden selbst wären nach kirchlicher Lehre Vergehen wie Mord, Ehebruch oder der Abfall vom Glauben.
Was ist mit Zwangsprostitution?
Auch die neuen Todsünden sind jedoch nicht in jedem Fall ein direkter Weg in die Hölle - auch dann nicht, wenn der Mensch stirbt, ohne gebeichtet und/oder bereut zu haben. Damit ein Vergehen nämlich eine Todsünde ist, müssen neben der Schwere des Delikts folgende Voraussetzungen gegeben sein: Der Sünder muss die Sünde bei vollem und klaren Bewusstsein begehen und: er muss aus freiem Willen handeln. Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, dürften demnach nicht in die Kategorie von Todsünderinnen fallen. Ob die neue Erklärung des Vatikans dem Katholizismus mehr Gläubige zutreibt, ist fraglich. Unwahrscheinlich ist auch, dass sich die Sicht der Kirche auf Welt modernisiert hat. Zumindest aber hat sie deren Wandel wahrgenommen.
Quelle: http://nachrichten.t-online.de |