Frankfurt a.M. (epd). Der deutsch-französische Politikwissenschaftler Alfred Grosser hat dem Islam vorgehalten, nicht in der Moderne angekommen zu sein. Das moderne Europa beziehe sich auf die Erklärung der Menschenrechte, erläuterte der Publizist in einer am 11. Mai ausgestrahlten Gesprächsrunde des Hessischen Rundfunks unter dem Thema
Wie modern ist Religion?. Ich warte noch immer auf die Stimmen des Islams, die Intoleranz brandmarken,
sagte Grosser.
Außerdem erforschten Vertreter des Islams ihre Religion nicht wissenschaftlich, brachte der sich als Atheist bezeichnende Publizist vor. Hier gebe es einen enormen Unterschied zwischen dem Islam und dem Christentum. Das Christentum stelle sich der historisch-kritischen Wissenschaft. Seine Vertreter würden einräumen, dass ein großer Teil der biblischen Erzählungen sich historisch nicht nachweisen lasse. Bei Muslimen gebe es jedoch keine historische Kritik des Korans. Bei den Kirchen habe die Aufklärung zudem die Ethik verändert.
Die deutsche Juristin und Muslimin Kadriye Aydin widersprach Grosser. Gerade Muslime in Europa führten vor, dass der Islam und die Moderne zusammenpassten. Eine europäische Begrifflichkeit lasse sich aber dem Islam nicht überstülpen. Dabei gebe es selbst im Iran eine feministische Auslegung des Korans. Im Übrigen predige der Islam Gottergebenheit und Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Grosser wandte ein, dass derjenige in Lebensgefahr gerate, der den Islam verlassen wolle.
Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Peter Steinacker unterstützte die Haltung von Grosser. Eine Religion sei in die Moderne gewachsen, wenn sie die aufgeklärte Vernunft integriere, so der evangelische Theologe. Die christlichen Kirchen hätten auch die Trennung vom Staat in der jüngeren Vergangenheit gut mitgemacht. Die Religion wandele sich mit den Menschen und habe die Säkularisierung gut überlebt.
Die Muslimin Aydin bezeichnete die Religion als zeitlos. Die Religion und nicht der Staat gebe Antworten auf die grundlegende Frage nach der Endlichkeit des Lebens. Grosser entgegnete, für eine Antwort auf diese Frage brauche es nicht die Religion. Gott sei eine menschliche Erfindung. Aber es sei ein Fortschritt, dass Gott heute menschlicher als früher gedacht werde.
Auf die Frage, wie die Religion die Gesellschaft in Zukunft bereichern könne, verwies Aydin auf das praktische Tun der Gläubigen. Grosser sprach Christen Respekt aus, dass sie sich dem Leid anderer annähmen und Hilfe leisteten. Kirche muss so aufgestellt sein, dass Menschen getröstet leben und sterben können, fasste Steinacker das christliche Zukunftsprogramm zusammen.
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