Fundamentalismus als Protest
Wer mit dem Ausdruck Fundamentalismus operiert, riskiert, sich im Getümmel von Polemiken zu verstricken. Von einer religiösen Selbstbezeichnung für evangelische Christen in den USA, mutiert er inzwischen zum "noted term", zur beliebten Keule im Tageskampf gegen politische und religiöse Strömungen. Auch gegen neuere Bewegungen innerhalb der christlichen Kirchen kommt er polemisch zum Einsatz – nicht nur von außen, sondern auch in den jeweiligen religiösen Traditionen selbst. Dabei mangelt es, das Phänomen in seiner Soziologik zu verstehen. Denn nicht nur der symbolische Kampf, vielmehr die sprachliche Ebene selbst bietet bereits erste Anknüpfungspunkte zur Deutung genau dessen, was man unter Fundamentalismus verstehen kann und von den Schlacken der Polemik befreit werden sollte.
"Fundamentalismus", eine erste These, indiziert einen symbolischen Kampf um den Geltungsanspruch religiöser Heilswahrheiten gegenüber gesellschaftlichen Teilsphären. In diesem Kampf geht es um die Definition dieser Wahrheiten und vor allem um die Kompetenz zur Definition derselben. Wer hat das Definitionsmonopol über diese Wahrheiten?
"Fundamentalismus" ist, zweite These, auch Protestbewegung. "Religiöser Fundamentalismus" kann deshalb als Sammelbezeichnung religionsinterner Protestbewegungen verstanden werden, die das Heilige und seine Hüter durch moderne Strukturen und Prozesse außer- und innerhalb des religiösen Feldes relativiert sehen. Gegen diese Bedrohung zu Felde zu ziehen ist Ausdruck des Protestes. Diese heilige Ordnung soll aus ihrer Sicht als Letztwert behauptet werden und ihrem übergeordneten Geltungsanspruch möglichst rein zum Durchbruch verholfen werden. Gleichzeitig verweigert dieser Protest den anderen die gleichen Rechte, aberkennt, was ihnen heilig ist und setzt deshalb seine Ziele unter Verletzung deren Freiheit, möglicherweise sogar mit physischen Gewaltmitteln, durch. Physische Gewalt ist dabei nur ein Mittel zu Durchsetzung der Ziele, nicht aber Wesensmerkmal des Fundamentalismus1.
Der katholische Protest
Der Fundamentalismus im Katholizismus ist meist eine Protestbewegung mit charismatischen Führern oder auch Führerinnen. Ihnen geht es um die Einforderung von Elementen, die bislang als unauflöslich zu einem System verflochten waren, von Bestandteilen eines Codes, der als spezifisch katholisch galt, für unantastbar erklärt worden war. Dieser Code geriet unter massiven Druck des modernen gesellschaftlichen Kontextes und ihrer formellen und informellen Anpassungen an die strukturelle, kulturelle und individuelle Pluralisierung: die Anerkennung der Religionsfreiheit durch das II. Vatikanische Konzil, die Liturgiereform, die Ummodellierung von Marienbildern bis zur Umkehrung der Jenseits- und der Gottesvorstellungen oder die Auswechslung theologischer Leitdisziplinen, von der Dogmatik als katholische Leitdisziplin und Königin der Theologie hin zur Bibelwissenschaft. Katholische Fundamentalisten sehen dadurch Erosionsprozesse in Gang gesetzt, die das Katholische, das, was sie für katholisch halten, diesen Code, zersetzen und zumindest bedrohen.
Meinungsführer der älteren Generation, die sich aus der normativen Theologie, der Dogmatik, des Kirchenrechts, aber auch der Moraltheologie rekrutieren, beklagen diese Anpassungsprozesse, weil gerade sie dadurch die Deklassierung ihrer theologischen Disziplin in ihren eigenen Lebensläufen erleben und erleiden müssen. Es scheint vielen von ihnen nicht zuletzt um die Behauptung eines biographischen Fundaments ihrer persönlichen Identität und ihres sozialen Status zu gehen, der eng mit den gnadeninstitutionalistischen Mustern der katholischen Kirche verknüpft ist.
Als treueste Diener ihrer Kirche sahen und sehen sich Anhänger katholisch-fundamentalistischer Gruppen außer Stande, den teilweise bürokratisch ausgeübten und enorme Dissonanzen hervorrufenden Arrangements der Kirche mit der Moderne Folge zu leisten. Dies deshalb, da sie nicht nur in eine Minderheitenlage manövriert, sondern auch noch in Subkulturen abgedrängt und als abweichend stigmatisiert wurden - sogar innerhalb der Kirche selbst. Sie sahen sich nach dem II. Vatikanum und seiner Umsetzung plötzlich im falschen Film. Nicht wenige Katholikinnen und Katholiken standen in dieser Zeit den kirchlichen Anpassungsprozessen an die Moderne skeptisch, distanziert bis ablehnend gegenüber.
Einer 1966 in Deutschland durchgeführten repräsentativen Umfrage zufolge bevorzugten 60% der regelmäßig und 50% der gelegentlichen Gottesdienstbesucher den lateinischen Ritus gegenüber einer modernen Liturgie mit Volksaltar. Ähnlich wie bei der Todesstrafe, gegen deren Abschaffung sich in den 60er Jahren die Mehrheit der Bundesdeutschen ausgesprochen hatte. Auch in Demokratien werden gelegentlich gegen die Mehrheit der Bevölkerung Veränderungen durchgesetzt. Eine Minderheit, die mit ihrer Beziehung zur vorherrschenden Gruppe zufrieden ist, neigt zwar zur Assimilierung. Wenn aber ihre Mitglieder den Druck spüren, ihre charakteristischen Merkmale der Unterscheidung von anderen Gruppen zu verlieren, und dass ihre zukünftige Entwicklung abgeschnitten werden soll, dann wird ihre Beziehung zur herrschenden Gruppe zunehmend gespannt – quasi ein soziologisches Gesetz: Dieser Minderheit wurde im Grunde die Möglichkeit geraubt, das weiter pflegen zu können, was vorher als katholisch galt: die Tridentinische Messe. Sie wurden um ihre Ausdrucksform, also auch dessen, was das Katholische vom Nichtkatholischen, vom Evangelischen unterschied, gebracht.
Zersplitterung: der Unterschied zur protestantischen Version
Die Katholische Kirche schöpft dem II. Vatikanum zufolge ihre Gewissheit über alles Offenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein - eine Position, die eher die evangelische Seite für sich beansprucht -, sondern aus der Überlieferung, der Heiligen Schrift und dem Lehramt der Kirche, die so miteinander verknüpft sind, dass keines ohne die anderen besteht. Darin zeigt sich ein zentraler Unterschied zwischen katholischer und evangelischer Kirche und trennt auch deren Fundamentalisten. Protestantische Fundamentalisten beziehen ihren Geltungsanspruch, das was sie für heilig halten, aus der Heiligen Schrift allein, sola scriptura. Ihre katholischen Kollegen würden das niemals tun, denn sie wissen genau, die Heilige Schrift ist erstens selbst durch die Kirche entstanden. Der Kanon ist eine kirchliche Entscheidung. Zweitens gibt es Traditionen, die auch die Deutung der Heiligen Schrift verändert und drittens gibt es ein Lehramt. Tradition, Bibel und päpstliches Lehramt sind die drei Wahrheitsquellen der Katholischen Kirche. Ihre Fundamentalisten beziehen ihren Geltungsanspruch jedoch meist nur auf eine dieser Quellen.
"Den" katholischen Fundamentalismus gibt es also nicht. Allenfalls kann von Fundamentalismen gesprochen werden: Die Triade von Tradition, Lehramt und Bibel in der kirchenoffiziellen Reklamation von Quellen heiligen Wissens mit ihrem Non-sola-scriptura-Akzent macht ihn zu einer komplexeren und fragmentierteren Erscheinung als sein protestantisches Pendant. Dies hat Auswirkungen auf die Organisierbarkeit und setzt seinem Durchsetzungspotential innerkirchliche und -kulturelle Grenzen. Zersplitterte Bewegungen sind wenig wirksam, weil sie mit sich selbst zurechtkommen müssen. Wenn es also den katholischen Fundamentalismus nicht gibt, weil er zersplittert ist, dann ist die Durchsetzungsfähigkeit sowohl innerkirchlich, als auch nach außen, in die Gesellschaft hinein, geschwächt.
Der Biblizismus: das Verbindende mit der protestantischen Version
Katholischer und protestantischer Fundamentalismus orientieren sich am Leitprinzip der absoluten Verbindlichkeit und Irrtumslosigkeit biblischer Texte. Bei beiden kann von einer biblizistischen Ausrichtung gesprochen werden. Sie postulieren die Deckungsgleichheit ihrer auf die Textgattung des "Berichts" reduzierten Überlieferung mit dem historisch wirklichen Geschehen und akzentuieren deren göttliche Inspiration und Verfasserschaft. Auf beiden Seiten werden Bibeltheologen häretisiert, die der historisch-kritischen Methode verpflichtet sind. Der interkonfessionelle Verteiler zeigt allerdings, dass im Katholischen der Biblizismus weniger aggressiv charismatisch agiert. Dort dient er eher als Legitimationsquelle für Überzeugungen und Praktiken, die zu einer überkommenen konfessionsspezifischen Kultur und zur institutionellen Kernstruktur der katholischen Teiltradition des Christentums zählen. Er hat zumeist auch eine defensive, die kirchliche Institution und Tradition stützende Funktion. Die lässt sich an einem Beispiel illustrieren:
Zu den Grundsätzen des protestantischen Fundamentalismus zählt zwar auch die Jungfrauengeburt, dennoch steht sie als Überlieferung keinesfalls im Mittelpunkt. Sie muss beibehalten werden, weil sie eben wortwörtlich biblisch überliefert ist. In den Überzeugungen und Praktiken des katholischen Fundamentalisten dagegen zählt der Glaube an das Dogma der Jungfrauengeburt zum Allerheiligsten und ist als exzessive Marienverehrung Voraussetzung einer symbolischen Grenzziehung gegenüber den Protestanten und anderen Andersgläubigen. Es soll als traditionelles katholisches Identitäts- und Unterscheidungsmerkmal auch innerkirchlich wieder von der Peripherie ins Zentrum rücken. Um es mit einen der zahlreichen marianischen Aphorismen des selig gesprochenen Gründers des Opus Dei, Josemaria Escrivá de Balaguer, auf den Punkt zu bringen: "Gehöre Maria und du gehörst zu uns!"
Dieser Biblizismus ist im katholischen Fundamentalismus nur selten in Reinform anzutreffen. Eher tritt er in Kombination mit einer traditionalistischen Ausrichtung auf. Beide sind schließlich von einer papalistischen Orientierung zu unterscheiden. Im katholischen Fundamentalismus treffen wir daher auf drei Typen: "Biblizismus", "Traditionalismus" und "Papalismus".
Der Traditionalismus
Im Hinblick auf Kult und Liturgie knüpfen katholische Fundamentalisten zentral an die durch das II. Vatikanum oktroyierte Liturgiereform an. Dieser stellen sie - wie sie sagen - die "Messe aller Zeiten", die sogenannte tridentinische Messe, wie sie vor dem letzten Konzil gefeiert wurde, als einzig richtige Messe gegenüber. Dabei wird scheinbar an nebensächlichen Details dieser von ihr diffamierten "Bastardmesse" angesetzt, etwa an der Steh-, der Hand- oder Laienhandkommunion, der neuen liturgischen Musik oder einer "Informalisierung" liturgischer bzw. priesterlicher Mimik. Vor dem Konzil war jede Gestik, jede Fingerstellung des Priesters im Ritual vorgeschrieben. Nun sei sie zum beliebigen Spielraum geworden. Sie kritisieren die Zurückdrängung des Lateins als Kultsprache und den Volksaltar. Sie attackieren die Zulassung weiblicher Ministranten als Zentralproblem, kehren den Pflichtzölibat des Priesters sowie das Tragen der schwarzen Sutane als Zentralwert oder, ebenfalls in der Logik der überkommenen katholischen Gnadenanstalt, die Ohrenbeichte hervor. Tatsächlich kann hier gefragt werden, wo die Sündenkommunikation heute hingekommen ist.
Im Hinblick auf die dogmatische Lehre kehrt der Traditionalist solche Züge hervor, die nicht nur theologisch, sondern auch frömmigkeitspraktisch nach der Gegenreformation als konfessionelle Unterscheidungszeichen reprofiliert worden waren: die Marienverehrung, der Teufels-, Höllen- und Fegefeuerglaube und der damit verbundene traditionelle Dualismus im Gottesbild (Gott ist der Barmherzige und der Gerechte. Wo ist seine Gerechtigkeit geblieben?) oder die unaufhebbare Schranke zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen. Überall dort sieht dieser Fundamentalismus den rationalistischen Geist der Zersetzung dieser Traditionen, die eben typisch katholisch waren, am Werk.
Konsequenterweise ist diesem Typ ein Antiökumenismus inhärent, wie er von den Sedisvakantisten namentlich der Sammlung glaubenstreuer Katholiken ("SAGKA") vertreten wird. Diese behaupten, der päpstliche Stuhl sei seit dem Tod Pius XII. leer, da der Antichrist, der Satan auf ihm sitze, und grenzen sich so von den Papalisten ab. Sie jubelten Johannes Paul II. daher nicht zu, opponierten gegen seine interreligiösen Kontakte beim Friedensgebet in Assisi 1986 oder beim Weltkongress der Religion für den Frieden 1994 im Vatikan. Die SAGKA-Information kommentiert dies wie folgt: "Johannes Paul II. setzte hier fort, was er 1986 in Assisi begonnen hat: Die Aufwertung aller Religionen als Heilswege und die Abwertung der katholischen Religion in Richtung auf eine Sammelbewegung aller falschen Religionen und Kirchen. In der Tat ist die Zusammenarbeit mit allen Religionen, wie in Rom praktiziert, bereits ein eindeutiges Abrücken von der Wahrheit, ein Verrat an Christus und eine tiefgreifende Verunsicherung der Gläubigen. Der Papst der römisch ökumenischen Kirche kann also unmöglich noch katholisch sein."
Gleiches gilt für die schismatische Priesterbruderschaft Pius X. des verstorbenen Erzbischofs Marcel Lefebvre, die gegen den Inhaber des päpstlichen Lehramts zu Felde zieht. In der Zeitschrift "Kyrie eleison", dem Organ der Liga katholischer Traditionalisten heißt es: "Der Scheinpapst Wojtyla fordert schamlos Religionsoberhäupter öffentlich zum Götzendienst auf", worauf "ein anderer ein Machtwort gesprochen und den Frevel mit der Erdbebenkatastrophe in Umbrien, im Oktober 1997 geahndet" haben soll. So wird ein Zusammenhang gesehen: die katholische Kirche in der Endzeit, wie sich das apokalyptische Oratorium von der göttlichen Wahrheit in seinem Katechismus auch selbst bezeichnet.
Auf Privatoffenbarungen, die nur mit Hilfe der Bibel und des Schott-Messbuches systematisiert worden seien, beruft sich das heute erbcharismatisch vom Sohn seiner Gründerin geführte Engelwerk (opus angelorum). Mit gnostischen und apokalyptischen Elementen will es Traditionen christlichen Wissens über Engeln und Dämonen wieder beleben und diese durch dualistisch gedachte kosmische Kräfte bestimmten Wirkungsbereichen magisch zuordnen: der Freiheitswert der Moderne etwa wird dem "Dämon der Freiheit" zugeordnet. Das Werk pflegt rituelle Sonderpraktiken, zudem gestufte Einweihungsmysterien entgegen dem kirchlichen Lehramt. Extreme Traditionalisten stellen aus Protest die persönlichen Inhaber des päpstlichen Lehramtes der letzten Jahrzehnte unter Häresieverdacht und kündigen ihnen den Gehorsam auf, wie es der selbsternannte Papst Klemens der XV. tat, der sich mit dem 3. Geheimnis von Fatima legitimiert und eine Maria-von-Fatima-Verehrung förderte.
Der Papalismus
Die Mehrheit katholischer Fundamentalisten operiert allerdings am inneren Rand der Kirche, attackiert deshalb nicht direkt den Inhaber des päpstlichen Lehramtes, sondern Bischöfe oder römische Kurialbeamte. Neben dem Biblizismus und der dominanten traditionalistischen Dimension schält sich als dritte fundamentalistische Variation ein institutionalistisch-patriachalisches Prinzip heraus, deren Brennpunkt im Primat- und Wahrheitsmonopol des päpstlichen Lehramts liegt. Wir sind beim Papalismus angekommen: Wie das traditionalistische Prinzip kann auch das religiöse Wahrheits- und Definitionsmonopol des Papstes als absolut heiliger Bezugspunkt gewählt werden. Seine Unfehlbarkeit kann von Papalisten so ausgeweitet werden, dass tendenziell über jede Aussage des päpstlichen Lehramts ein Kommunikationstabu schwebt und eine Verletzung als geistige Majestätsbeleidigung darstellbar wird. "Roma locuta, causa finita" ist ihre Grundhaltung, während traditionalistischen Fundamentalisten für ein Kommunikationstabu gegenüber der Tradition eintreten.
Die päpstliche Vorrangstellung versuchten Ultramontanisten bereits im 19. Jhdt. im Kampf um die Glaubensdefinition durch einschlägige Bibelstellen zu legitimieren. Sie wurden so interpretiert, dass nicht die Kirche, sondern der Fels, Petrus, als Adressat der Verheißung erscheint. Es wird zum Protest gegen führenden Repräsentanten der historisch-kritischen Bibelauslegung und anderer theologischer Disziplinen aufgerufen. Dieses "progressistische Kartell stellt den päpstlichen Primat als geschichtlich gewordene Erscheinung ohne göttliche Herkunft und Verbindlichkeit dar und hebt so die gesamte Verfassung der Kirche aus den Angeln". Bei der geringsten Kritik am Papstamt fangen bereits die Fundamente zu zittern an.
Verweigerung
Der Fundamentalismus im Katholizismus ist ohne das Moment der Verweigerung, die spezifisch katholische Quellentrias Tradition, Schrift und päpstliches Lehramt in den Diskurs der Profanwissenschaften einzubeziehen, nicht zu denken. Diese Wissenschaften werden auch vom Generaloberen der sedisvakantistischen Priesterbruderschaft Pius X. diabolisiert: "…brachte doch die Erbsünde eine Verblendung der menschlichen Vernunft, eine Verkehrung des menschlichen Willens in eine Entfesselung der menschlichen Leidenschaften und ließ die Welt unter die Herrschaft Satans geraten." Aus dieser Logik heraus kann Religion mit profanen wissenschaftlichen Mitteln gar nicht mehr thematisiert werden, da es sich von vornherein gewissermaßen um eine Kontamination des Heiligen mit dem Bösen handelt. Religiöses in den Dialog mit den sozialen Profanwissenschaften zu bringen ist im Grunde bereits Sündenfall. Die Dialogverweigerung mit Theologen, die literar-, form- oder historisch-kritisch die Bibel auslegen wird zum identitätssichernden heiligen Akt, um die reklamierte einzige, weil göttlich vorgegebene Wahrheit vor Kontamination der weltlichen, weil sündhaften Wissenschaft und vor Vertretern der nachkonziliaren Kirche zu immunisieren. "...werden wir uns von diesen Leuten entfernen, wie von den Personen, die Aids haben. Man hat keine Lust, sich das geistige Aids zu holen, denn das ist eine ansteckende Krankheit" meinte Lefebvre.
Die kaum überschaubare Vielfalt dieser Gruppen wird noch dadurch gesteigert, dass sie sich in ganz unterschiedlichen Sozialformen vergesellschaften. Das Spektrum reicht von offenen und sozial relativ unverbindlichen bis hin zu geschlossenen lebensverbindlichen Sozialformen: von Lesergemeinden, der Zeitungen "Maria, Mutter des Lebens", "Der 13te", "30 Tage in Kirche und Welt", "Romkurier", und Verlagen wie "Christiana", "Maria aktuell", "Christlicher Buchverlag", "Verlag Josef Kral", dem "MM-Verlag" über Bildungs- und Begegnungszentren, wie Opus-Dei-Tagungsstätten und Internate der "Legionäre Christi"2, der staatlich anerkannten Hochschule der Gustav Siebert-Akademie bis hin zu Jugendbünden und Vereinen wie der "katholischen Pfadfinderschaft Europas", "Ubi petrus ibi ecclesia", "St. Petrus-Canisius-Konvent", "Initiativkreise katholischer Laien und Priester", "Linzer Priesterkreis", "Marianische Liga-Vereinigung katholischer Frauen", "Una-voce-Bewegung" und zu Orden bzw. ordensähnlichen Gemeinschaften wie der Engelswerkorden von Heiligenkreuz, die "Legionäre Christi", aber auch Klöster und klosterähnliche Institutionen.
Der Integralismus
Diese Typologie des katholischen Fundamentalismus kann noch etwas weiter getrieben werden, wenn je nach Reichweite des Geltungsanspruchs unterschieden wird. Der Anspruch dessen, was für heilig, für wahr, für unverletzlich gehalten wird, kann religiös intern oder religiös extern ausgerichteten sein. Beide Ausrichtungen können theoretisch mit allen drei Fundamentalismusvarianten kombiniert werden, um Gruppierungen in ihrer Grundtendenz zuordnen zu können. Intern ausgerichtet sind sie, wenn sich ihr Geltungsanspruch vorwiegend auf religiös spezifische Kommunikations- und Handlungszusammenhänge konzentriert, etwa Kult, Lehre, Theologie, Kirche. Geht ihr Anspruch über die Kirche auf religiös unspezifische Gesellschaftsbereiche hinaus, ist von einer externen bzw. integralistischen Ausrichtung die Rede, etwa auf die Wirtschaft, auf die Kultur, auf das staatliche oder politische Feld. Integralisten kämpfen etwa für die Orientierung gesellschaftlicher Institutionen wie Staat, Massenmedien, Sozial- und Gesundheitswesen, Medizin, Wissenschaft, Schulen und Hochschulen an exklusiv biblizistischen, traditionalistischen oder papalistischen Glaubenswahrheiten. Tatsächlich aber lassen sich nicht sehr viele religiös extern orientierte Gruppierungen finden. Und wenn, dann sind sie erstens nur teilweise in transnational operierenden Organisationen in den USA, Frankreich oder Italien vernetzt, wenige im deutschen Sprachraum. Sie formieren sich zweitens ausschließlich biblizistisch ausgeprägt eher im protestantisch fundamentalistischen Bereich und markieren somit einen Grenzfall im Spektrum des katholischen Fundamentalismus.
Diese wenigen Gruppen vertreten beispielsweise einen Creationismus und setzen sich dafür ein, dass im Biologieunterricht neben der Evolution auch oder ausschließlich die biblische Schöpfung gelehrt wird. In den USA ist dieser Creationismus unter protestantischen Vorzeichen stärker vertreten als im katholischen Deutschland, wo vor allem drei fundamentalistische Parteien, die das Hohe C im Namen führen, auffallen. Nicht die CDU/CSU ist gemeint, sondern die Christliche Liga, die Partei bibeltreuer Christen und die christliche Mitte. Letztere ist definitiv katholisch ausgerichtet, während die beiden anderen evangelisch freikirchlich bzw. evangelikal-christlich orientiert sind. Sie schneiden aber außerordentlich mäßig in den bisherigen Wahlen ab und liegen deutlich unter 2%. In der Theologie lehrt man heute natürlich, dass der Schöpfungsbericht eine Wahrheit - nicht im Sinne eines Berichts, einer Registrierung tatsächlicher Vorgänge - beinhaltet, nämlich die Aussage, dass der Mensch und die ganze Schöpfung von Gott gewollt und geliebt sind. Creationisten sind hierzulande eine Minderheit, die nicht beabsichtigen, irgendwo im politischen Feld der Evolutionslehre in den Schulen Konkurrenz zu machen.
Dem katholischen Europa ist der Integralismus auch historisch bekannt: In Frankreich rekrutierten sich aus den ehemaligen Sympathisanten der 1926 von Rom verurteilten "action francaise" nationalistische Traditionalisten. Ihr vorrangiges Ziel bestand in der Wiederherstellung der Verbindung von Thron und Altar. Heute sieht dieser Integralismus etwas anders aus: In Italien neu organisierte Bewegungen wie die von Rom approbierte "communio e liberatione", die "compania dell' opere" oder "movimento populare", die 1988 päpstlich anerkannte, elitäre "memoris in domini", die Priesterschaft zum Hl. Karl Borromäus, 1999 als Gesellschaft apostolischen Lebens anerkannt, reichen weit ins politische Feld hinein. Die Schlagzeilen des italienischen Ministers Rocco Buttiglione, Mitglied der "communio e liberatione" beweisen es deutlich. Diese Bewegungen sind nicht bestrebt das Christentum zu modernisieren, sondern die Moderne zu christianisieren bzw. zu katholisieren. Sie sind also papalistisch. Ihre religiös-externe Ausrichtung zeigt sich an der Mitwirkung der Weltjugendtage, an Veranstaltungen in Rimini mit bestimmten politischen Programmen. Ihnen gehören katholische Politiker in Italien oder Bischöfe, wie der Erzbischof von Venedig an. Sie sind innerkirchlich verzahnt und werden politisch unterstützt.
Die faktische Durchsetzung ihres Anspruchs, der auf eine Überwindung der Differenzierung der politischen und der religiösen Sphäre zielt, wird in den meisten europäischen Ländern durch die demokratischen Strukturen in Grenzen gehalten - ein Umstand, der den Integralismus durchaus wieder anheizen kann. Man denke an den Aufruf Benedikts XVI., der Volksabstimmung zu einem Bioethikgesetz fern zu bleiben oder an Spanien, wo gegen die Homo-Ehe mobilisiert wurde. Hier stehen nicht mehr nur Gruppen dahinter, sondern die Kirche mit ihrer Hierarchie und ihren Repräsentanten ist plötzlich auf der Straße zu finden.
Fazit:
Der fundamentalistische Katholizismus erscheint als hochgradig fragmentiert und nur partiell allianziert. Allen ist der Protest gemein, dem es um die Re-Etablierung des Gefüges und der Leitidee der römisch-katholischen Kirche als Gnadenanstalt und geistliche Herrschaft geht. Der inneren und äußeren Überfremdung des Katholischen will man Herr werden und die Gefahr als katholische Christen heimat- und inhaltslos zu werden, soll gebannt werden. Ihr Kampf gilt primär kirchlichen Statusgruppen, die sich selbst als Exekutoren und Implementatoren der gesellschaftlichen Pluralisierung und der Demokratisierung im christlichen Binnenbereich verstehen: theologische Repräsentanten historisch-kritisch verfahrender Disziplinen; der nachkonziliar sozialisierten Priestergeneration; der Mehrheit der Laientheologen im kirchlichen Dienst; den tonangebenden Verbänden, die eine Demokratisierung der Kirche und den Zugang von Frauen zum Priesteramt postulieren; auf binnenkirchliche Basisdemokratie setzende NGO, besser NCOs, "non-clerical-organisations", wie etwa der Kirchenvolksbewegung.
In eine Vielzahl unterschiedlicher Soziallagen, Sozialformen und Orientierungsoption zersplittert sind katholischen Fundamentalisten selbst freilich dem Gesetz der Moderne ausgeliefert, gegen die sie antreten. So wie sie gegen innerkirchliche Auswirkungen der Pluralisierung zu Felde ziehen, sind sie selbst Teil dieser innerkirchlichen Prozesse und tragen zu deren Beschleunigung bei. Quasi als "moderne Antimodernisten" konfrontieren sie Kirchenmitglieder mit unterschiedlichen Deutungen des Katholischen und machen damit konfessionsinterne Kontroversen und Alternativen bewusst. Gegen ihre eigene auf geistige Ordnung hin zielende Intention relativieren sie den konfessionellen Nomos und tragen so zur Erosion der Gnadenanstalt in der Moderne bei. Sie erweitern die katholischen Fundamentalismen und Fronten, obwohl sie diese eigentlich überwinden wollen.
Die kirchliche Anpassung an die Moderne löste also Konflikte um die Definitionsverfügung über die Heilswahrheiten aus und konnte sogar Ressourcen der Betroffenen binden. Aufgrund der legitimatorischen und organisatorischen Zersplitterung in Sozialformen ohne Koordinations- und Steuerungszentrum ist ihre Fähigkeit, einen politischen und gesellschaftlichen Strukturwandel zu bewirken, freilich nicht zu überschätzen - auch wenn sie in jüngster Zeit sogar Zulauf von sonst eher kirchenfernen Generationen erhalten. Denn in der Stabilität der alten symbolischen Formen kompensieren viele lediglich ihre eigene biographische und soziale Unsicherheitslage.
Die Fähigkeit katholischer Fundamentalisten, den inter- und intrakirchlichen Strukturwandel zu blockieren und Erwartungen zu irritieren, ist wiederum nicht zu unterschätzen. Sie können die Ökumene bremsen und dafür sorgen, dass die Auseinandersetzungen um die Kontrolle kirchlicher Institutionen und personeller wie finanzieller Ressourcen für sie entschieden wird. Mit ihren Anhängern ist allemal zu rechnen, zumal sie sich selbst entschieden kirchentreu geben. Da das Verhältnis zu den episkopalen Zwischeninstanzen der kirchlichen Autorität, von wenigen bekannten Ausnahmen abgesehen, oft äußerst gespannt ist, suchen und finden einige Gruppen die Anerkennung durch römisch-kuriale Kreise und schwelgen in einem Gefühl der Papstunmittelbarkeit. Umgekehrt legen aktuelle Anlässe den Schluss nahe, dass die Amtskirche - auch in Reaktion auf den weltweit zu beobachteten Fundamentalismus in anderen Religionen - sich partiell mit dem fundamentalistischen Engagement in ihren eigenen Reihen verbindet, zumindest modernistische Kräfte zurückdrängen.
Der Definition des Katholischen scheinen derzeit kaum Grenzen gesetzt. Die symbolischen Kämpfe innerkirchlicher Interessens- und Statusgruppen um die Geltung religiöser Werte und Normen, um die Kompetenz zur Definition religiöser Heilswahrheiten und um die Verteilung der Verantwortung für die Heilsgüter sind innerkatholisch voll entbrannt. Erst dieser Kampf wird über diese Grenzen dieses Kampfes letztlich selbst entscheiden. Wir wissen nicht wie er ausgeht, auch mit dem neuen Papst noch nicht.
Quelle: http://www.quart-online.at |