Die Ex-Muslimin Mina Ahadi über den Islam als frauenfeindliche Religion und "Ehrenmorde" als männlichen Terror
Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de
Seit sie 2001 dem Islam öffentlich abgeschworen hat, braucht Mina Ahadi Personenschutz. Die 1956 geborene Iranerin ist Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, setzt sich vehement für Frauenrechte in islamischen Ländern ein, und prangert die Gewalt gegen Frauen an, die auch in Deutschland im Namen vermeintlicher Ehre verübt wird - nicht zuletzt an der 16-jährigen Morsal aus Hamburg, die ihre Freiheitsliebe vor einigen Wochen mit dem Leben bezahlen musste. Mina Ahadi musste als linke Oppositionelle 1990 aus Iran nach Österreich fliehen und lebt seit 1996 mit ihren zwei Töchtern in Deutschland.
SZ: Ist ein "Ehrenmorde" nur im Islam vorstellbar, Frau Ahadi?
Ahadi: Für mich ist ein Ehrenmord eine chauvinistische Art von Terror. 90 Prozent der Fälle haben mit dem Islam zu tun.
Bietet der Islam denn eine Rechtfertigung für solche Verbrechen?
Wenn in Deutschland über diese Gewalt gegen Frauen gesprochen wird, möchten alle immer einen Satz oder ein bestimmtes Wort aus dem Koran vorgelegt bekommen. Aber der Koran bietet viele Möglichkeiten, Frauen zu erniedrigen. Man darf uns schlagen, man darf uns sogar töten. Meiner Meinung nach hat Gott die Frau in dieser Religion nur erschaffen, damit sie dem Mann dienen kann.
Wie manifestiert sich das in der islamischen Gesellschaft?
Schon als Mädchen dürfen wir nicht zu unserer körperlichen Entwicklung stehen, das ist ein Tabu. Wenn wir erwachsen sind, müssen wir auf uns aufpassen, denn wir verkörpern die Ehre unserer Familien. Erst die Ehre von unseren Vätern und Brüder, dann die von unseren Männern. Am meisten ist diese Ehre mit unserem Sexualleben verbunden.
Was kritisieren konservative Muslime an der deutschen Gesellschaft?
Zunächst missfällt ihnen die Freizügigkeit der jungen Mädchen, die hier leben, und deren sexuelle Beziehungen vor der Hochzeit. Zudem kritisieren konservative Moslems die westliche Erziehung. Hier sprechen Mädchen offen über ihre Gefühle und ihre eigenen Rechte.
Verlieren konservative muslimische Familien den Zugang zu ihren Töchter vielleicht durch deren Integration?
Die Mädchen, die hier aufwachsen, genießen ihre Freiheiten. Auf einmal gibt es zwei verschiedene Welten, die der Eltern und die der Töchter. Natürlich haben die Eltern dann Angst, ihre eigenen Kinder zu verlieren.
Der Vater der von ihrem Bruder ermordeten Morsal hat seine Tochter vor ihrem Tod nach Afghanistan geschickt, weil sie dort "die Sitten und Gebräuche ihres Heimatlandes" kennenlernen sollte. Was sollte das junge Mädchen dort lernen?
Sie sollte lernen, dass sie nicht mehr frei über ihr Leben entscheiden kann und nicht mehr kritisch sein darf.
Wie erklären Sie sich den Mord an der 16-jährigen Deutsch-Afghanin?
Morsal wollte ein ganz normales Leben führen, mit Partys und einem Freund. Ein Teil der Einwanderer aus islamischen Ländern ist wie Morsal, der andere Teil ist wie ihr Bruder, der möchte, dass der Islam mit seinen mittelalterlichen Traditionen auch hier mehr Macht bekommt.
Wodurch werden junge Männer so fanatisch wie offenbar Morsals Bruder?
Das ist ein gesellschaftliches Problem. Deutschland ist ein Land, in dem Flüchtlinge immer Ausländer bleiben, sogar, wenn sie einen deutschen Pass besitzen. Dazu kommt, dass sie häufig arbeitslos sind und Konflikte zu Hause haben. Die islamischen Organisationen versuchen dieses Dilemma auszunützen, indem sie den jungen Menschen mit ihrer Religion eine Zuflucht bieten.
Sie machen islamische Organisationen, wie jene, die Innenminister Wolfgang Schäuble zur offiziellen Islamkonferenz eingeladen hat, für die Gewalt gegen Frauen verantwortlich?
Absolut. Diese Gruppen versuchen, den Islam zu verteidigen und in der Gesellschaft auszubauen. Für mich bedeutet das nur, dass es noch mehr frauenfeindliche Kultur geben soll. Genau davor sind wir aus unseren Ländern geflüchtet. Die deutsche Regierung unterschätzt diese Gefahr nicht nur, sie unterstützt sie sogar, indem sie einen Austausch mit islamischen Organisationen pflegt. Deswegen frage ich mich, wie viele Ehrenmorde noch passieren müssen, bis die Regierung endlich aufhört, mit diesen Organisationen zusammenzuarbeiten.
Sind Sie mit Ihrer Kritik nicht etwas zu radikal?
Das hier ist keine theoretische Diskussion, sondern mein Leben. Ich möchte, dass die Menschen verstehen, warum ich so leidenschaftlich und aggressiv über dieses Thema spreche. Mein Leben steht auf dem Spiel, da kann man nicht cool bleiben. Eine weitere Zusammenarbeit mit islamischen Gruppen auf Regierungsebene führt nur zu einer Islamisierung in unserer Gesellschaft und damit zu einer Parallelgesellschaft.
Was fordern Sie?
Ich möchte, dass die Gesellschaft, die Medien und die deutsche Regierung laut und deutlich erklären, auf welcher Seite sie eigentlich stehen. Dass sie erklären, was ihnen wichtiger ist: eine Religion oder ein Menschenleben? Der Islam oder Morsal?
Wen machen Sie für die "Ehrenmorde" verantwortlich - den Koran, die muslimische Familie, die islamischen Organisationen oder die deutsche Gesellschaft, die in vielen Fällen offenbar wegguckt?
In erster Linie mache ich den Islam verantwortlich, als politische Bewegung und als Religion. Außerdem mache ich die Kultur verantwortlich, die seit Generationen immer wieder erklärt, dass die Frauen im Besitz ihrer Männer seien. Aber ich mache auch die deutsche Regierung verantwortlich: nicht wegen ihren Multikulti-Befürwortern, sondern wegen ihrer Zusammenarbeit mit den islamischen Organisationen.
Ist das Projekt Multikulti Ihrer Meinung nach gescheitert?
Das Problem sind die Menschen, die immer wieder erklärt haben: Das sind Moslems, das ist eine andere Kultur, eine andere Mentalität, wir dürfen uns da nicht einmischen. Dieser Ansatz ist eine Sackgasse! Er hat sehr vielen Islamisten geholfen.
Interview: Laura Weißmüller
Von Mina Ahadi ist kürzlich das Buch "Ich habe abgeschworen. Warum ich für die Freiheit und gegen den Islam kämpfe" erschienen. |