"Allahu akbar!" Wenn von den Minaretten der Ruf zum Gebet erschallt, kommt das öffentliche Leben in manchen islamischen Ländern fast vollständig zum Erliegen. Ladentüren werden verrammelt, Behörden während der Gebetspause geschlossen, in den Fabriken stehen die Bänder still. Fünf Mal am Tag ruft der Muezzin, zwei der Pflichtgebete fallen in die Arbeitszeit. Ein ägyptischer Scheich will Wirtschaft und Verwaltung jetzt vor zeitraubender Frömmigkeit schützen.
Beten in der Arbeitszeit sei selbstverständlich "gut" und "verpflichtend", urteilt der Rechtsgelehrte Jussef el Kardawi. Doch "zehn Minuten könnten genügen", heißt es in der Fatwa, die der fundamentalistische Publizist auf seiner Website veröffentlichte. Die Rechtsgutachten Kardawis genießen ein hohes Ansehen in der islamischen Welt. Der gebürtige Ägypter wurde durch seine Auftritte im arabischen Fernsehsender El Dschasira einem Millionenpublikum bekannt.
Wenig Arbeit für wenig Geld
Seine Empfehlung zum schnellen Gebet erscheint jedoch kaum vereinbar mit dem Alltag vieler Gläubiger. Im ägyptischen Arbeitsleben etwa ist die Tradition regelmäßiger und ausgedehnter Gebetspausen fest verankert. Laut einer offiziellen Schätzung arbeitet ein ägyptischer Beamter im Schnitt nur 27 Minuten am Tag, Urlaubstage nicht mit eingerechnet. In dem Land sind sechs Millionen Staatsdiener beschäftigt, die meisten von ihnen werden nur äußerst schlecht
Ein Gebetsraum, dessen Ausmaße von einer kleinen Kammer bis hin zu einer geräumigen Moschee reichen können, fehlt in keiner großen Firma, Fabrik oder öffentlichen Einrichtung. Auch in kleinen Läden und Büros liegen akkurat gefaltete grüne Gebetsteppiche bereit, die nach dem Ruf des Muezzins in Richtung Mekka ausgerollt werden.
Im Zentrum von Kairo steht der Tempel der ägyptischen Bürokratie: Im Mugama-Hochhaus auf dem Tahrir-Platz sind in 14 Ministerien und 65 Regierungseinrichtungen 18.000 Beamte untergebracht. In dem an stalinistischen Baustil erinnernden Koloss irren jeden Tag 30.000 Bittsteller durch die 13 Stockwerke und lassen sich Urkunden, Pässe oder sonstige staatliche Dokumente ausstellen. "Aber zur Gebetszeit ist erst mal Schluss", sagt Ahmed Ghani, den sein Arbeitgeber beauftragt hat, die notwendigen Stempel für seine Firmenpapiere zusammenzutragen.
Als Problem wahrgenommen
Die Warterei zur Gebetszeit ist sogar Stoff fürs Kino geworden: In dem Kultfilm "Terror und Kebab" wandert ein Ägypter durch die Gänge, bevor er ewig vor einem verwaisten Schalter ausharren muss. Genervt von den endlosen Gebetspausen und vom Hunger gequält nimmt er schließlich das ganze Gebäude als Geisel und fordert Fleischspieße statt Lösegeld.
Die Gebetspausen müssen also kürzer werden, fordert Scheich Kardawi und hat einen praktischen Vorschlag: Die rituellen Waschungen vor dem Gebet könnten die Gläubigen schon vor der Arbeit zuhause verrichten, und nicht erst zur Mittagszeit in der Bürotoilette. "Um Zeit zu gewinnen, können sie auch einfach etwas Wasser auf ihre Socken spritzen, ohne die Strümpfe auszuziehen", empfiehlt der Gelehrte in seiner Fatwa für die Pflichtgebete zum Mittag und zum Nachmittag, die gewöhnlich in die Arbeitszeit fallen.
Und stößt damit auf Zustimmung. Die Theologen in Kairo sind ausnahmsweise einer Meinung. "Er hat Recht, ich kann nichts anderes sagen", meint Scheich Fausi el Sisfaf von der islamischen Ashar-Universität. "Es ist nicht statthaft, Zeit zu verschwenden, indem man das Gebet als Vorwand nimmt." Auch für Mohammed el Schahhat el Gendi sind "zehn Minuten absolut ausreichend für das Gebet". Die Steigerung der Produktivität in Verwaltung und Wirtschaft sei jedenfalls "keinesfalls unvereinbar mit dem Islam", sagt der Generalsekretär des Obersten Rats für Islamische Angelegenheiten in Kairo.
Alain Navarro, AFP
Quelle: http://www.n-tv.de |