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Der Kreuzzugs-Prediger Clemens August Kardinal von Galen
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Am 9.10.2005 wurde er selig gesprochen

Im Juni 2005 bot der Dom in Münster ein gespenstisches Szenario: Katholische Würdenträger zeigten sich erfreut über die Qualität der Knochen von Kardinal Clemens August Graf von Galen, der kurz darauf, am 9.10.2005, in Rom selig gesprochen wurde. Das Grab des ehemaligen Bischofs von Münster (1878-1946) wurde im Juni im Dom in Münster in Gegenwart von Mumien-Experten und medizinischen Sachverständigen geöffnet, um Partikel des Skeletts von einer Hand bzw. einem Fuß der ehemaligen Exzellenz zu entfernen und den Gläubigen als neue Reliquien darzureichen (Netzeitung, 17.6.2005). Der Totenkopf und die übrigen Gebeine von Galens liegen dort seit 1946. Wer ist der neue Selige?


Zum Protest gegen Euthanasie "schwer und lang" durchgerungen

Bischof von Galen hatte sich gegen den Massenmord an Behinderten im Dritten Reich ausgesprochen und gegen die Beschlagnahmung einzelner katholischer Einrichtungen. Er getraute sich, in diesem Zusammenhang von der "'Schreckensherrschaft der Gestapo" zu sprechen. Und immerhin hat er erreicht, dass das "Euthanasie-Programm" der Nationalsozialisten teilweise unterbrochen wurde. Und damit war er seinen schweigenden Mit-Exzellenzen einen Schritt voraus. Nach Aussage des Historikers Hubert Wolf, Professor für katholische Kirchengeschichte in Münster, hatte der Bischof allerdings "schwer und lang mit sich gerungen", ob er hier tatsächlich auf Konfrontation zu den Nazis gehen soll (Spiegel online, 7.10.2005). Für die Seligsprechung jedoch reichte es.


Die Politik der Nationalsozialisten als Ganzes hatte Bischof von Galen jedoch einst mit Begeisterung begrüßt. So dankte er 1933 nach der Machtergreifung Adolf Hitlers öffentlich dem Allerhöchsten, dass er "die höchsten Führer unseres Vaterlandes erleuchtet und gestärkt hat, dass sie die furchtbare Gefahr, welche unserem geliebten Volke durch die offene Propaganda für Gottlosigkeit und Unsittlichkeit drohte, erkannt haben und sie auch mit starker Hand auszurotten suchen." (zit. nach Karlheinz Deschner, Die Politik der Päpste im 20. Jahrhundert, Teil II, S. 581).
Und auf dem Höhepunkt der Judenvernichtung im Jahr 1940 goss Bischof von Galen in einem Hirtenwort zusätzlich Öl ins lodernde Feuer, als er gegen das "entartete Judentum" polemisierte. (Zeit, 29.9.2005) Zudem war er begeistert vom 2. Weltkrieg, v. a. vom Krieg Deutschlands gegen Russland.


Gefallene deutsche Soldaten

wie die "heiligen Märtyrer" in der "ewigen Herrlichkeit"
Bereits unmittelbar nach dem Überfall Deutschlands auf Polen schrieb Bischof Clemens August Graf von Galen 1939 an die Priester seines Bistums, dass die deutschen Männer nun auf der Wacht seien, "um das Vaterland zu schirmen und unter Einsatz des Lebens einen Frieden der Freiheit und Gerechtigkeit für unser Volk zu erkämpfen." Und als deutsche Truppen schließlich in Russland einmarschierten, jubelte der "selige Clemens" im September 1941 sogar, dass Gott den Soldaten an der Ostfront "ewige Herrlichkeit und Lohn zuteil werden" lässt, "ganz ähnlich wie den heiligen Märtyrern" (Spiegel online, 7.10.2005).  Damit setzte Bischof von Galen die Soldaten, die unter dem Oberbefehl Adolf Hitlers gegen die kommunistisch regierte Sowjetunion, mit den Soldaten früherer katholischer Kreuzzugsheere gleich. Ihnen hatte die Kirche für ihre Massaker ebenfalls die ewige Seligkeit versprochen. Und im Jahr 1942 hat Clemens August von Galen in einem Hirtenbrief sogar wortwörtlich von diesem "neuen Kreuzzug" gesprochen.
"Blutspender" in einem "neuen Kreuzzug"

So schrieb er über die bis dahin gefallenen Opfer auf deutscher Seite: "Sie wollen Blutspender sein, auf dass das an Altersschwäche und anderen Übeln erkrankte Volk wieder jugendlich gesunde und aufblühe. Sie wollten in einen neuen Kreuzzug mit dem Feldgeschrei ´Gott will es` den Bolschewismus niederringen, wie es vor wenigen Jahren der spanische Befreier Franco in einer Rede zu Sevilla mit christlicher Zielsetzung rühmte." (zit. nach Karlheinz Deschner, Die Politik der Päpste im 20. Jahrhundert, Teil II, S. 581). Bis zuletzt war der als "Löwe von Münster" bekannt gewordene Bischof ein Einpeitscher für neue "Blutspender". So legte der "selige Clemens" auch unmittelbar vor Kriegsende den Soldaten noch Verteidigung "bis zum letzten Blutstropfen" ans Herz (Karlheinz Deschner, Die Politik der Päpste im 20. Jahrhundert, Teil II, 1991, S. 77).


"Bis zum letzten Blutstropfen"

Den Inhalt dieser bösartigen Bischofsworte hatten wohl die meisten Deutsche gegen Ende des Krieges für sich akzeptiert. Und dies führte noch zu Hunderttausenden oder gar Millionen von sinnlosen Todesopfern in den letzten Kriegsjahren, Kriegsmonaten und Kriegswochen. Unzählige Soldaten auf allen Seiten wurden in Stücke gerissen, Rentner und Kinder in Deutschland als letztes Aufgebot an "Blutspendern" in den furchtbaren Tod geschickt. Und in diesem Geist, den Bischof von Galen so eindringlich beschwor, kam es auch noch wenige Tage vor Kriegsende durch Standgerichte zu grausamen Hinrichtungen von Menschen, die sich den alliierten Truppen ergeben wollten, um z. B. ein Dorf oder eine Stadt und ihre Bewohner zu schützen. So kann man auch einmal die Frage stellen, was diese wohl über den neuen "Seligen" und seine Forderung des bewaffneten Kampfes "bis zum letzten Blutstropfen" denken? (Wer weiß, ob die Seele des Bischofs nicht in der Unterwelt vor der Rache vieler damals Getöteter fliehen muss ...?)


Waffenstillstand mit der Gestapo?

Der deutsche Propaganda-Minister Joseph Goebbels war sich bewusst, was er an Bischof Clemens August von Galen als Kriegstreiber hatte, weswegen er dessen Kritik an der Gestapo duldete und die Kritik an der Euthanasie sogar berücksichtigte. Joseph Goebbels wusste, dass er bei einer Verhaftung von Bischof von Galen "das katholische Münsterland und ganz Westfalen für den Rest des Krieges würde abschreiben müssen" (Zeit, 29.9.2005). So groß war der Einfluss des katholischen Würdenträgers. Und die Historikerin Beth A. Griech-Polelle (Beth A. Griech, Polelle, Bishop von Galen, 2002) weist weiter darauf hin, dass von Galen ab dem Sommer 1941 "seine öffentlichen Proteste so gut wie einstellte. Sie vermutet eine Art Waffenstillstand mit der Gestapo". Auf den Schlachtfeldern ging von nun an das große Morden erst richtig los, und hier waren sich die Nazis und die Bischöfe ohnehin weitgehend einig.


Der Bischof als begeisterter Jäger

Das triefende Blut war Bischof Clemens August von Galen übrigens auch schon vor dem 2. Weltkrieg vertraut. Schon als junger Mann, so die Zeitschrift Wild und Hund, war er "ein begeisterter Jäger" (21/05) und brachte demnach mit Freude unschuldige Tiere in Wald und Flur um. Damit ist der "selige" Bischof auch ein Beispiel für die Wahrheit eines Satzes von Leo Tolstoi, der einmal sagte: "Vom Tiermord zum Menschenmord ist nur ein Schritt."


Blinddarmdurchbruch

Als die Alliierten nach dem Krieg 1945 in Deutschland das Kommando übernommen hatten, betrachtete sie Bischof von Galen übrigens immer noch als "Feinde", wie sich ein US-amerikanischer Reporter erinnerte (Spiegel online, 7.10.2005). Doch seiner Karriere schadete das nicht. Am 18.2.1946 wird Bischof von Galen in Rom von Papst Pius XII. für seine Verdienste in der Euthanasie-Diskussion zum Kardinal ernannt, und in seiner Heimatstadt Münster erhält er am 16.3.1946 die Ehrenbürgerwürde. Clemens August Kardinal von Galen war auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt.

Von nun an hatte er nicht einmal eine ganze Woche mehr zu leben. Sechs Tage später, am 22.3.1946 klagt der neue Kardinal und frischgebackene Ehrenbürger Münsters in seiner Heimatstadt plötzlich über starke Bauchschmerzen, die ständig schlimmer werden. Sein Blinddarm bricht durch. Und bevor ihm geholfen werden kann, ist der Kardinal tot. Sein Schicksal hat ihn eingeholt.

Durch die Seligsprechung wurde sein Todestag zugleich sein Gedenktag. Am Tag nach Frühlingsanfang, als von Galen 1946 auf dem Höhepunkt seiner Macht jäh in den Tod gerissen wurde, sollen von nun an die Menschen an den "seligen Clemens" denken. Der 22.3.1946 gilt seit dem 9.10.2005 als der Tag, an dem sein Tod ihn angeblich schauen ließ, was er zuvor glaubte.



Für das natürliche Empfinden wirkt der Anblick des Totenkopfes eines Verstorbenen eher pietätlos. Für die römisch-katholische Kirche gelten die Schädel und andere Gebeine der von ihr selig oder heilig Gesprochenen jedoch als verehrungswürdige Reliquien, die man den Gläubigen oft auch öffentlich präsentiert (z. B. das in München-St.Peter offen ausgestellte Skelett der "heiligen Munditia", der z. B. bei lesbischen Katholikinnen sehr beliebten Patronin aller allein stehenden Frauen, siehe http://www.alterpeter.de/frameneu/mundi_frame.htm). Dies wird in der Kirche nicht als pietätlos empfunden, sondern es soll die Kirchenmitglieder im Glauben stärken. Der oben abgebildete Schädel ist allerdings nicht der von Munditia und auch nicht der von Kardinal von Galen. Diesen haben nur die Mumien-Experten und medizinischen Sachverständigen zu Gesicht bekommen.


Kardinal-von-Galen-Schulen

Zu Ehren von August Clemens Kardinal von Galen sind auch viele Schulen und Häuser nach ihm benannt, z. B. das Kardinal-von-Galen-Gymnasium Münster, das Kardinal-von-Galen-Gymnasium Kevelaer, die Kardinal-von-Galen-Schulen Mettingen, die Kardinal-von-Galen-Schule Dinklage, die Kardinal-von-Galen-Schule Meppen, die Kardinal-von-Galen-Schule Schöppingen, die Kardinal-von-Galen-Gesamtschule Nordwalde, die Kardinal-von-Galen-Realschule Telgte, das Kardinal-von-Galen-Haus in Stapelfeld, das Kardinal-von-Galen-Stift in Münster und viele mehr.
Bei den Pfadfindern gibt es in  Bochum sogar einen Kardinal-von-Galen-Stamm, wo befürchtet werden muss, dass das Gedankengut des Kardinals bei der Identifizierung des Stammes eine wesentliche Rolle spielt. So heißt es dort: "Kardinal von Galens Predigten sind auch heute noch aktuell, denn er spricht darin die Probleme und Gedanken der heutigen Zeit genauso an, wie er es zu damaliger Zeit getan hat. Kardinal von Galen ist wegen seines Mutes, seiner Ehrlichkeit und seiner Standhaftigkeit zu unserem Stammespatron geworden." (http://www.dpsg-weitmar.de/) Vermutlich kann den Pfadfindern zugute gehalten werden, dass sie viele Aussagen von Galens gar nicht kannten und dass sie sich bisher nur Positives oder scheinbar Positives heraus pickten, was ja selbst bei schlimmen Verbrechern irgendwie möglich ist. Wenn das zutrifft, werden sie sich sicher bald umbenennen.


"Die Pest des Laizismus"

Der neue "Selige" war übrigens auch als Schriftsteller tätig. Im Jahr 1932 publiziert er ein zukunftsweisendes Buch mit seinen demokratiefeindlichen Gedanken. Darin beschreibt er den nach seiner Überzeugung negativen Einfluss von "Laien" auf den Staat. Von Galen misstraut dabei allen politischen Mehrheitsentscheidungen und setzt den "Willen Gottes" dagegen, der nach seiner Meinung von der katholischen Priester-Hierarchie repräsentiert wird. Nur wenige Monate später ist die Demokratie in Deutschland dann tatsächlich am Ende. Der Titel bzw. die Literaturangabe:

Von Galen, Clemens August, Die „Pest des Laizismus” und ihre Erscheinungsformen, Verlag Aschendorff, Münster 1932

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