Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Quelle: http://www.spiegel.de
Pädophilenskandal, Finanzdebakel, verlorene Glaubwürdigkeit: Die katholische Kirche in den USA steckt in einer schweren Krise. Bei seinem ersten US-Besuch will Benedikt XVI. die Gläubigen einen. Schon befürchten manche eine neue Indoktrinierung durch Rom.
Washington - Exklusiver kann ein USA-Besuch nicht beginnen. Präsident George W. Bush wird Papst Benedikt XVI. persönlich an der Andrews Air Force Base in der Nähe von Washington abholen - eine Ehre, die er bislang noch keinem Besucher erwiesen hat, raunen Bushs Helfer. Ähnlich herzlich geht es weiter: Zum Empfang im Weißen Haus hat Bush 12.000 Besucher in seinen Garten gebeten, mehr als je zuvor in seiner Amtszeit. Am Mittwochabend, dem 81. Geburtstag des Papstes, bittet der Präsident zum großen Galadinner - mit bayerischen Spezialitäten.
Protestant Bush erklärte die Vorzugsbehandlung am Freitag in einem Interview: "Der Papst kommt nicht als Politiker, er kommt als ein Mann des Glaubens", sagte der Texaner.
Der aufwendige Empfang macht deutlich, wie sehr das Weiße Haus um das Wohlwollen des Papstes buhlt, obwohl der Vatikan den Irak-Krieg scharf kritisiert hat. Wie das "Wall Street Journal" berichtet, hofft Bushs Team die Beziehungen zum Vatikan wieder verbessert zu haben - durch eindeutige Positionierung zu Themen wie Abtreibung und Stammzellenforschung sowie die Ernennung zweier konservativer Richter an den Obersten Gerichtshof der USA.
Doch auch abseits der Regierung wird der Gast aus Rom mit Spannung erwartet. Das Magazin "Time" ernannte Benedikt XVI. gerade in einer Titelgeschichte zum "Amerikanischen Papst". Und im Vorwahlkampf diskutieren die demokratischen Präsidentschaftsbewerber Hillary Clinton und Barack Obama ausführlich ihren Glauben: Obama hat soeben ein katholisches Beraterkomitee ernannt, Clinton schwärmt vom päpstlichen Engagement für Armutsbekämpfung und Gesundheitsvorsorge. Beide haben die wichtige Vorwahl am 22. April in Pennsylvania im Blick - wo katholische Wähler eine große Rolle spielen werden.
"Erleben wir Gottes Rottweiler oder Gottes Pudel?"
Der Besuch ist für den Papst auch eine Art Wahlkampagne in eigener Sache. Laut einer aktuellen Umfrage haben mehr als die Hälfte der Amerikaner eine positive Meinung von ihm. Rund achtzig Prozent der Befragten gaben allerdings an, nur wenig oder gar nichts über das Kirchenoberhaupt zu wissen. Zudem muss der Papst Aufbauarbeit leisten: Die katholische Kirche in den USA wurde in den vergangenen Jahren bis ins Mark erschüttert: durch Sexskandale. Und durch die Entschädigungszahlungen an Tausende Opfer pädophil veranlagter Priester. Doch wird der Papst Worte des Bedauerns finden? John Allen, Vatikan-Experte bei CNN, sagt dazu: "Es gab Gespräche darüber, ob er sich direkt mit Opfern treffen würde. Doch das wird nicht passieren - und ich könnte mir vorstellen, dass Vertreter der Opfer enttäuscht sein werden."
In Amerika leben fast 70 Millionen Katholiken, insgesamt ist das Land weit religiöser als die meisten anderen entwickelten Industriestaaten. Noch immer gehen mehr als ein Drittel aller US-Katholiken regelmäßig zur Kirche - in Europa tut dies nur jeder Zehnte. George Weigel vom "Ethics and Public Policy Center" in Washington sagte bei einer Diskussionsveranstaltung im Vorfeld des Papstbesuches: "Die USA sind im Gegensatz zu Europa noch nicht eine post-christliche Gesellschaft." Benedikt XVI. vertraut auch in seinem direkten Umfeld auf viele amerikanische Top-Katholiken.
Die US-Katholiken glauben - aber sie glauben nicht, alle Vorgaben aus Rom befolgen zu müssen. Deshalb nennen manche Religionsexperten sie spöttisch "Cafeteria-Christen". Viele von ihnen unterstützen die Todesstrafe, eine Mehrheit hat keine Probleme mit Homo-Ehe und Abtreibung oder Geburtenkontrolle. Konservative Christen sind zudem mit der Kritik des Vatikans am Irak-Krieg oder der restriktiven US-Einwanderungspolitik nicht einverstanden.
Der Papst wird diese Themen ansprechen, wenn er sich mit katholischen Dozenten und Lehrern trifft. Viele von ihnen klagen über Nachwuchssorgen und Geldmangel. Benedikt XVI. will nun klarere Maßstäbe für katholische Bildungseinrichtungen etablieren. Manche fürchten bereits eine neue Indoktrinierung durch den Papst, der als Kardinal Ratzinger einst für Glaubensfragen zuständig war. "Erleben wir Gottes Rottweiler oder Gottes Pudel?", fragt Religionsprofessor Stephen Prothero in "USA Today". In einer ABC-Umfrage erklärte eine Mehrheit der Katholiken gerade, die Kirche für abgehoben von der modernen Gesellschaft zu halten.
Papst sagt Galadinner ab - keine Zeit für Partys
Es besteht kein Zweifel, dass Amerikas katholische Gemeinde im Wandel begriffen ist. Rund 100.000 getaufte Katholiken treten pro Jahr aus der Kirche aus. Ausgeglichen wird das durch einen Zustrom von Latinos. Etwa ein Drittel der US-Katholiken gehört zu dieser Gruppe, bei Katholiken unter 40 Jahren ist es schon rund die Hälfte.
Viele erhoffen sich nun ein Signal, dass der Papst diese neuen Katholiken willkommen heißt. Doch damit könnte er sich schon zu sehr im Wahlkampf verfangen. Beide Seiten versuchen ihn zu vereinnahmen: Sein Gebet am "Ground Zero" in New York, der Empfang im Weißen Haus und Äußerungen gegen Abtreibung und Homo-Ehe könnte die Konservativen für ihre Agenda verbuchen. Andererseits dürften die Bemerkungen des Papstes vor den Vereinten Nationen für Menschenrechte den Demokraten gefallen - oder eben ein möglicher Appell für eine humanere US-Einwanderungspolitik.
Eins scheint jedenfalls klar: Einen Triumphzug wie einst bei Johannes Paul II. erwarten bei diesem Papstbesuch nur wenige Experten. Der wird hier oft mit Ex-Präsident Ronald Reagan oder anderen Politgrößen verglichen, die sich im Scheinwerferlicht pudelwohl fühlten. Stephen Prothero sagt: "Johannes Paul II. fühlte sich in der modernen Welt sehr wohl. Benedikt XVI. scheint unser modernes Zeitalter eher mit Spott zu sehen."
Zumindest in puncto Feierlaune bestätigt der Papst diese Einschätzung. Das Galadinner zu seinen Ehren im Weißen Haus am Mittwoch hat er bereits abgesagt. Der Papst habe eine sehr ambitionierte politische Agenda, verlautete aus seinem Umfeld als lakonische Begründung.
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