Von ddp-Korrespondent Klaus Schlösser
Bei der Finanzierung ihrer zahlreichen Immobilien ist die seit Jahren umstrittene Wankmiller-Sekte in Füssen offenbar mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Die Finanzchefin der Sekte muss sich am 10. Juli vor dem Landgericht Augsburg wegen illegaler Kreditgeschäfte verantworten. Ein Aussteiger aus dem inneren Kreis der rund 300 Mitglieder umfassenden Gruppierung behauptet, dass die Geschäfte insgesamt mit einer zunehmenden kriminellen Energie betrieben würden. Die Finanzbeauftragte der Sekte weist die Vorwürfe als völlig haltlos zurück.
Nach Angaben der «Füssener Initiative für Sektenaufklärung und Hilfe» (FISH), die bereits 17 Aussteiger aus der Sekte betreute, hat nun erstmals ein hochrangiges Mitglied aus dem Führungskreis samt Frau und fünf Kindern die Gruppe um den 51-jährigen Anführer Wolfgang Wankmiller verlassen. Anlass dazu sei unter anderem eine «steigende Tendenz zu illegalen Handlungen» in der Gruppe gewesen, erklärt der aus Füssen geflüchtete Familienvater in einem Gedächtnisprotokoll, das er über seine Zeit an Wankmillers Seite angefertigt und dem FISH-Initiator Peter Wieland übergeben hat.
Im «Stamm der Likatier», wie sich die Sekte selbst nennt, gehörte der Aussteiger nach seiner Darstellung zu den «Schwurmenschen», die sich im Gegensatz zu den «Lebemenschen» in der Gruppe für Führungsaufgaben qualifiziert und ihren gesamten persönlichen Besitz an die Gemeinschaft abgetreten haben. Die «Schwurmenschen» sind nach Angaben von FISH-Sprecher Wieland allesamt selbstständig tätig. Sie seien für die Immobilien und die verschiedenen Unternehmen der Sekte zuständig, während die «Lebemenschen» als un- oder unterbezahlte Arbeitskräfte ausgebeutet würden. Schon beim Einstieg in den Kreis würden Neulinge einem starken sozialen Druck ausgesetzt, berichtet der Aussteiger.
Dem «Stamm» von Wolfgang Wankmiller, der in den 70er Jahren zusammen mit treuen Anhängern Parteien und Vereine in Füssen zu unterwandern versuchte, ehe er sich mit seinem Gefolge aus der Öffentlichkeit zurückzog, gehören nach Angaben Wielands allein in Füssen 29 Häuser. Insgesamt seien es 40 Immobilien, darunter ein Reformhaus in Garmisch-Partenkirchen und das ehemalige österreichische Zollgebäude am Grenzübergang Füssen-Reutte, das von einem Großteil der Gruppe als «Grenzburg» bewohnt wird. Mit Wohnsitz in Österreich sind die Kinder vom Pflichtbesuch einer Schule befreit und dürfen von Hauslehrern unterrichtet werden, sofern sie einen nachprüfbaren Leistungsstand erreichen.
Um die Unterkünfte für die rund 300 Sektenmitglieder finanzieren zu können, betreiben die «Schwurmenschen» um Guru Wankmiller zahlreiche Unternehmen. Einige Jahre lang flossen Einkünfte durch die Veranstaltung von Esoterik-Messen in Deutschland und Österreich. Inzwischen handelt der Clan im Internet mit Büchern und Ayurveda, arbeitet für namhafte deutsche Unternehmen als PR-Berater, betreibt eine Heilpraktikerschule, bietet die Optimierung von Produktionsanlagen an und verlegt Bücher. Eine Ärztin und zwei Rechtsanwältinnen in den eigenen Reihen machen die Sekte auf medizinischem und juristischem Gebiet zu Selbstversorgern. Nach Angaben des Aussteigers erhofft sich die Sekte zur Zeit von einem neu entwickelten Computerspiel satte Gewinne.
«Trotzdem sind offenbar Schulden in Millionenhöhe da», weiß FISH-Betreuer Wieland aus Insider-Kreisen. Mit einem neuen Geschäftszweig, nämlich der Vermittlung von Kapitalanlagen mit Zinszusagen in Höhe von bis zu acht Prozent, geriet der Wankmiller-Clan ins Visier der Staatsanwaltschaft. Der Finanzbeauftragten des «Stammes» fehle für solche gewerbsmäßigen Bankgeschäfte die erforderliche Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, meint die Anklagebehörde in Augsburg.
Sie wirft der 45-Jährigen vor, von 2003 bis 2007 in 170 Fällen über 1,3 Millionen Euro als Einlagen entgegen genommen und Darlehen in Höhe von 418 000 Euro an zwölf Personen vergeben zu haben. Nachdem die Finanzchefin des Clans zunächst zu den Vorwürfen geschwiegen hatte, legte sie eine schriftliche Einlassung vor, die jedoch nicht zu einer Abänderung der Tatvorwürfe geführt habe, erklärte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Augsburg, Matthias Nicolai.
Der Nachrichtenagentur ddp hatte Wankmillers Finanzbeauftragte hingegen versichert, die Vorwürfe seien inzwischen entkräftet. Das sieht offenbar auch das Landgericht Augsburg anders. Die Anklage gegen sie wurde zugelassen, das Hauptverfahren eröffnet und der Prozesstermin auf den 10. Juli anberaumt.
Als völlig haltlos und «unverschämt» bezeichnete die 45-Jährige die Darstellungen des Sektenaussteigers aus dem inneren Kreis der «Schwurmenschen». Die pauschale Behauptung, dass die Gruppe eine Tendenz zu strafbaren Handlungen erkennen lasse, entbehre schon allein deshalb jeder Grundlage, weil nicht die Gruppe als Unternehmen auftrete, sondern einzelne Personen.
Die Vorwürfe des Aussteigers, unter der Firmierung «Likatien GbR» seien Kredite erschwindelt, Urkunden gefälscht und falsche Verdienstbescheinigungen vorgelegt worden, seien Ausfluss einer Stimmungslage, die der Aussteiger «in übelster Weise verarbeitet» habe, sagte die Finanzchefin. Die Staatsanwaltschaft sei in der Vergangenheit schon mehrfach Strafanzeigen gegen Mitglieder des «Stammes» nachgegangen und habe die Verfahren allesamt eingestellt.
Allerdings war 2001 ein 42-jähriger Koch der Sekte wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern vom Amtsgericht Kempten zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Nach Angaben von FISH-Betreuer Wieland geht aus dem Gedächtnisprotokoll des jüngsten Aussteigers hervor, dass der Koch nach Verbüßung der Haftstrafe von Wankmiller wieder mit offenen Armen aufgenommen worden sei und in der kinderreichen Gruppe lebe. Der stark übergewichtige Guru propagiere, so der Aussteiger weiter, den Tabubruch und fördere sexuelle Ausschweifungen. In einem vom Allgäu weit entfernten Dorf hat sich der Familienvater mit Frau und fünf Kindern inzwischen eine neue Existenz aufgebaut.
Quelle: http://www.ad-hoc-news.de |