Die Behörden im texanischen Eldorado haben mehr als 400 Kinder und über 130 Frauen einer polygamen Sekte aus ihrer Ranch geholt und in Sicherheit gebracht.
Das fast 700 Hektar große Gelände erscheint wie eine kleine Stadt: Frauen kümmerten sich hier um ihre Kinder, nähten und arbeiteten im Garten, während die Männer in der Zementfabrik arbeiteten oder Käse herstellten. Doch hinter den Kulissen der Polygamisten-Sekte in Texas sollen Minderjährige missbraucht worden sein.
In knöchellangen, altmodischen Kleidern verließen die Frauen mit ihren Kindern das Gelände. Sie kamen vorübergehend in einer alten Armeefestung unter. Keine von ihnen soll den Wunsch geäußert haben, zurückzukehren. Die Polizei riegelte die Farm ab und untersagte den männlichen Sektenmitgliedern, sie zu verlassen. Mehr als 400 Kinder wurde von den Behörden in Sicherheit gebracht. 133 Frauen hätten das Anwesen freiwillig verlassen. An dem Einsatz beteiligten sich rund 200 Mitarbeiter der texanischen Kinderschutzbehörde. „Jeder kann sich vorstellen, dass das hier für die Kinder eine völlig neue Welt ist. Wir müssen so sensibel wie möglich sein“, sagte deren Sprecherin vor Journalisten. Den Kindern werde es schwer fallen, sich an das Leben in einer modernen Gesellschaft zu gewöhnen, sollten sie dauerhaft von ihren Familien getrennt werden.
16-Jährige mit Sex-Täter verheiratet?
Ausgelöst wurden die Ermittlungen von den Angaben einer 16-Jährigen, sie sei auf dem Anwesen missbraucht worden. Die Behörden versuchen jetzt herauszufinden, ob das Mädchen, dessen Aufenthaltsort nicht bekannt ist, mit einem verurteilten Sexualstraftäter verheiratet wurde. Das Mädchen soll im Alter von 15 Jahren ein Kind zur Welt gebracht haben.
Die Ermittlungen auf dem weitläufigen Gelände gestalteten sich schwierig. Die Polizei hielt eine nicht bekannte Anzahl Männer fest, bis alle Gebäude durchsucht waren. Die Ermittler interessieren sich dabei besonders für Dokumente, Familienfotos oder auch Familienbibeln, in denen Eheschließungen und Geburten dokumentiert werden. Eine Sprecherin der Behörde für Öffentliche Sicherheit sagte, die Ermittlungen dauerten an. Die Bewohner der Ranch im Westen von Texas seien weitgehend kooperativ. Anwälte der Sekte legten Widerspruch gegen die Hausdurchsuchungen ein. Eine Anhörung soll am Mittwoch stattfinden.
Anführer zu lebenslanger Haft verurteilt
Zu dem Gelände der Sekte in der Ortschaft Eldorado führt nur eine enge Straße. Wie viele Menschen auf der abgeschirmten Ranch lebten, ist nicht bekannt. „Wenn man das Gelände einmal betritt, verlässt man es nie wieder“, sagte Carolyn Jessop, die mit einem mutmaßlichen Sektenführer verheiratet war. Sie verließ die Sekte, bevor diese im Jahr 2004 nach Texas kam.
Die Mitglieder der „Fundamentalistischen Kirche der Heiligen der Letzten Tage“ glauben, dass die Apokalypse bevorsteht. Der inhaftierte Polygamistenführer Warren Jeffs schrieb ihnen vor, dass sie kein Rot tragen dürfen, weil diese Farbe Jesus vorbehalten sei, wie ein ehemaliges Mitglied erklärte. Sie dürfen sich auch nicht die Haare schneiden. Die Gruppe ist eine Abspaltung der Mormonenkirche „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, die der Polygamie schon vor einem Jahrhundert abschwor. Die Sekte hatte die Ranch im Jahr 2003 gekauft. Seither wird sich von den Behörden beobachtet. Ihr Anführer Jeffs, der von seinen Anhängern als Prophet betrachtet wird, wurde 2006 in Las Vegas verhaftet und im vergangenen Jahr wegen Beihilfe zur Vergewaltigung zu lebenslanger Haft verurteilt.
hal/AP/AFP
Quelle: http://www.focus.de |